Muss ich sogar meinen Schlaf optimieren?
Schlaf ist eine der wenigen Erfahrungen, in denen wir die Kontrolle über uns selbst abgeben müssen – und darauf vertrauen, dass die Welt auch ohne unser Zutun weitergeht. Was verrät diese alltägliche Form der Hingabe darüber, wie wir uns selbst verstehen, worauf wir unser Leben gründen und was es heissen könnte, aus Gnade statt aus eigener Leistung zu leben?
Bevor wir aber schlafen gehen, müssen wir noch kurz über Heterofatalismus reden. Unsere letzte Folge hat einige Reaktionen ausgelöst – und unsere Kollegin Stefanie Fischer-Lüthi hat die Debatte auf dem RefLab-Blog unter dem Titel «Frauen schulden Männern kein Vertrauen» weitergeführt. Ihre These: Frauen müssen nicht lernen, Männern wieder mehr zu vertrauen. Männer müssen dazu beitragen, eine Welt zu schaffen, in der dieses Vertrauen wieder vernünftig ist. In den Kommentaren entspannt sich darüber eine kontroverse Diskussion: Reicht es als Mann, selbst kein Täter zu sein? Oder entsteht aus struktureller Verantwortung eine Art kollektive Schuldzuweisung? Und wie lässt sich über die Verantwortung von Männern sprechen, ohne individuelle Schuld und gesellschaftliche Strukturen miteinander zu verwechseln?
Von dort kommen wir zu unserem heutigen Thema – und interessanterweise geht es wieder um Vertrauen. Diesmal allerdings um das Vertrauen darauf, dass die Welt auch dann weiterläuft, wenn wir einmal gar nichts tun.
Denn selbst unser Schlaf wird inzwischen vermessen. Smartwatches und Ringe sagen uns morgens, wie gut wir geschlafen haben. Neue Technologien sollen Schlaf künftig nicht nur beobachten, sondern durch akustische oder neuronale Stimulation aktiv verbessern. Ein aktueller bioethischer Beitrag in Nature warnt bereits davor, dass guter Schlaf damit irgendwann von einer privaten Angelegenheit zu einer überprüfbaren Verpflichtung werden könnte – zur «auditable obligation».
Aber was passiert, wenn selbst die Zeit, in der wir nichts leisten, noch Leistung bringen muss?
Wir fragen uns, wann Selbstsorge zur Selbstoptimierung wird. Ob unsere Smartwatch wirklich besser weiss als wir selbst, ob wir ausgeschlafen sind. Ob aus «Du kannst deinen Schlaf verbessern» irgendwann «Du solltest» und schliesslich «Du musst» wird. Und ob es Bereiche unseres Lebens geben muss, die sich der Vermessung und Optimierung entziehen.
Dabei wird Schlaf überraschend philosophisch und theologisch: Einschlafen gehört zu den Dingen, die wir gerade nicht erzwingen können. Wir können die Bedingungen dafür schaffen – aber irgendwann müssen wir die Kontrolle abgeben. Ähnlich wie bei Liebe, Vertrauen, Glück oder vielleicht sogar Glauben.
So landen wir beim Sabbat, bei Gnade und bei der alten reformatorischen Frage nach der Rechtfertigung: Muss ich meinen Wert eigentlich ständig produzieren? Muss ich sogar richtig schlafen? Oder könnte Schlaf die alltäglichste Übung darin sein, einmal nichts aus sich machen zu müssen?